Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch.
Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht. (Hebräer 3, 15)
Wir möchten Gottes Wort hören. Und wenn wir uns dafür öffnen, kann es trösten und stärken, Halt geben, auf andere Gedanken bringen.
Und der Herr sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (aus dem Buch des Propheten Hesekiel 2, 1-5. 8-10; 3, 1-3)
Mitten im Winter denken wir Imker und Imkerinnen an unsere Bienenvölker: Werden sie die Winterruhe überleben? Nach Monaten des Wartens ist dann der erste Honig im Frühjahr umso köstlicher! Und ich kann nicht umhin, einen Löffel davon beim Schleudern zu nehmen. Dieser Honig enthält die geballte Ladung an würziger Süße, und es ist definitiv zuviel des Guten. Es gehört aber zu dem Gesündesten, was wir essen können.
Was ist heilsam? Das haben wir eben gehört, vorgelesen aus dem Buch des Propheten Ezechiel. Dieser Prophet lebt zu einer Zeit und an einem Ort, an dem die Menschen viel Leid erfahren müssen. Und damit nicht genug: Dem Propheten wird es auch noch vor Augen geführt und unter die Nase gerieben. Alles Wehklagen, Weinen, Schreien und die lautlose Verzweiflung sieht er Schwarz auf Weiß vor sich. In den Ohren gellt es nach, was er liest. Schließlich wird er aufgefordert, alles, was er dabei fühlt, zu verinnerlichen. Dabei spürt er, dass das richtig und gut ist.
Es ist auch für uns heilsam, immer wieder an diese Geschichten zu erinnern. Weil sich wiederholt, was damals geschah. Nicht eins zu eins, aber vergleichbar. Und wir können deshalb das, was wir selbst erleben, in Beziehung setzen zu dem, was den Menschen damals das Leben gerettet hat. Deshalb lassen Sie mich erzählen: Juda war ein Spielball der Großmächte geworden. Irgendwann konnte es sich nicht mehr länger behaupten. Diesmal waren es die Babylonier, die das Land eroberten. Sie deportierten die Oberschicht nach Babylon. Unter ihnen war auch der Prophet Ezechiel. Diejenigen, die den langen Fußmarsch überstanden hatten, wurden in verstreut liegenden Kolonien angesiedelt. Felder wurden ihnen zugewiesen, die sie bearbeiten mussten. So versorgten sie sich und verdienten ihren Unterhalt.
Das Leben im Exil ist anstrengend. Der seelische Schmerz ist groß. Die Menschen sehnen sich nach ihrer Heimat und wissen nicht, ob sie sie jemals wiedersehen werden. Mit der Not wächst die Verzweiflung. Aussichtslos scheint alles, und man verliert sich selbst in seinem Kummer und in seinem Leid. Eine solche Verletzung, eine solche Verwundung wird Trauma genannt. Und wenn Traumata nicht aufgearbeitet werden, beherrschen sie das ganze Leben. Es gelingt mehr oder weniger schlecht, die erlittene Gewalt, den erlittenen Verlust zu kompensieren. Doch wenn wir die Kontrolle über uns verlieren, bricht alles wieder auf und ist gegenwärtig, als sei keine Zeit darüber vergangen. Traumata prägen das Leben, zuerst ganz offensichtlich, dann eher unbewusst. Sie wirken unsichtbar weiter. In der Bibel lesen wir, dass es bis in das siebte Glied der Generationenfolge nachwirkt.
Und schon werden neue Generationen geboren, die der Traumatisierung ausgeliefert sind: in der Ukraine und in Russland, im Sudan, im Iran, in Israel und Palästina. Wir können die Länder gar nicht aufzählen, in denen erlittene Gewalt Menschen kaputt macht. Wir können das Leid nicht beziffern, das Leben von Menschen zerstört. Und wieder werden wir lernen müssen, dass wir der Traumatisierung nicht Herr werden können. Zumal sie herausfordernd ist und in die Hände derer gehört, die dafür ausgebildet werden. Doch unfähig, etwas zu tun, sind wir damit noch lange nicht.
Es ist verständlich, wenn jemand das Radio oder das Smartphone ausmacht, weil er es nicht mehr aushält, die Nachrichten aus aller Welt zu hören und zu lesen. Und diese Reaktion könnte sogar der beste Türöffner dafür sein, endlich loszugehen und etwas zu tun, um den Menschen in Not – hier vor Ort! – zu helfen, auch wenn von ihnen im Radio oder via Internet nicht berichtet wurde. Wir sind zwar nicht Traumatologen, aber wir sind Christen und Christinnen, die ihr Herz öffnen sollen und öffnen können, um mitzufühlen und zu lieben. Um den Menschen in Not ein Ohr zu leihen und eine Stimme zu geben.
Denn es ist wichtig, es ist überlebenswichtig, dass ein Mensch aussprechen kann, was gewaltsam Macht über ihn ergriffen hat, was ihn dadurch fesselt, einsperrt und handlungsunfähig macht. Manchmal verschlägt uns das, was wir dann hören müssen, die Sprache. Jetzt kann uns unser Glaube helfen: unser Glaube an einen Gott, der aushält, was wir nicht mehr aushalten können. Der sich dafür freimütig öffnet und mitleidet. Der die Kraft hat, bei den Leidenden zu bleiben, auszuharren, mit auszuhalten, was unerträglich scheint. Nicht wir sind es, die solche Gabe haben müssen. Das grenzte an eine Selbstüberschätzung. Eine ganz andere und überaus wichtige Aufgabe wird uns stattdessen zuteil: nämlich mit unserem Gottvertrauen die Garanten dafür zu sein, dass es Gott gibt – gerade in der Not. Es könnte sein, dass es in diesem Moment genau auf uns ankommt. Auf uns, die wir noch in der Lage sind, die Hände zu falten zum Gebet und darin auch uns gemeinsam mit den Notleidenden – in unserer eigenen Not, Hilflosigkeit und Überforderung – Gott anzubefehlen, dass wir zusammen behütet und geborgen bleiben möchten in einer Welt, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Das Gebet wird so zu einem Raum, in dem alles ausgesprochen werden kann, auf uns auf der Seele liegt.
Der Prophet sollte die Not verinnerlichen, die er miterleben musste, die eigene Not und die der anderen. Sein Herz öffnete sich, und er war voller Mitgefühl, voller Einsicht und Erkenntnis. Das schmeckte ihm so süß wie Honig auf der Zunge. Später fand er Worte, mit denen er den Finger in die Wunden der Gesellschaft legte, aber auch Worte, die ermutigen und Hoffnung weckten. Was ich mir auch vorstellen kann, ist, dass das Gebet so heilsam sein kann wie der erste Honig, den wir nach einem langen Winter, nach Bitterkeit, Dunkelheit und Kälte, beim Schleudern genießen. Im Gebet können wir nach Worten dafür suchen und damit fassbar machen, was sonst unbegreiflich bleibt. Oder wir schleudern auch ohne große Worte Gott in Gedanken alles vor die Füße, um endlich wieder befreit zu sein und erleichtert darüber, dass das Grauen ein Ventil gefunden hat. Amen.
Lasst uns beten:
Gott, wir danken Dir für Dein Wort. Lass uns ein guter Boden sein, auf den es fällt, damit es Früchte trage.
Wir bitten Dich für die von Gewalt und Willkür Betroffenen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt und dass die Täter und Täterinnen überführt werden. Hilf, über die erlittene Gewalt zu sprechen.
Öffne den Mitmenschen die Augen, lass sie nicht wegsehen. Öffne ihnen ihre Ohren, dass sie zuhören. Öffne ihnen die Herzen, dass sie mitfühlen und Gewalt verhindern.
Wir bitten Dich für die Notleidenden in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Erde. Lass sie nicht allein. Hilf allen, die Not lindern wollen. Und lege den Kriegstreibern das Handwerk, dass endlich die Waffen schweigen und der Friede Gestalt annimmt.
Wir bitten Dich für unsere Kirche, dass sie kritisch prüft, wo sie selbst schuldig geworden ist an denen, die Gewalt erlitten haben. Lass uns alles dafür tun, dass die Kirche ein Ort ist, wo man friedlich und fröhlich zusammenlebt.
Vater unser im Himmel. Geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gibt uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen
Die Glocken unserer Kirche läuten zum Innehalten und zum Gebet: werktags um 8 Uhr, um 12 Uhr und um 18 Uhr.
Die Kirche ist Montag bis Freitag von 10-15 Uhr und am Sonntag nach dem Gottesdienst bis 12 Uhr geöffnet.
Das sind unsere Kontaktdaten:
Marion Steffen im Büro - 03834 2263 Pastor Dr. Bernd Magedanz - 03834 8477052 Pastorin Dr. Ulrike Streckenbach - 03834 886104 Angela Jütte im Treffpunkt Kirche - 03834 883375 Nachbarschaftshilfe - 0162 7687770
Wir grüßen Sie im Namen des Kirchengemeinderates und aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an St. Marien herzlich.
Ihre Pastorin Dr. Ulrike Streckenbach und Ihr Pastor Dr. Magedanz