Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch.
So seid ihr nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Epheser 2, 19)
Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Diese sprichwörtliche Weisheit bewahrheitet sich zu allen Zeiten. In der Bibel wird erzählt, dass Gott sein Volk, das in der Wüste darbte, mit Manna und Wachteln speiste (2. Mose 16). Und auch Jesus hat das beherzigt. Als Seelsorger hatte er immer auch das Leibliche im Blick. Als die große Menschenmenge hungrig ist, die sich um ihn versammelt hat, schafft er Abhilfe. Er lässt alles zusammentragen, was an Essen da ist. Es ist nicht gerade viel, aber er dankt Gott dafür und lässt es austeilen, so dass auf wunderbare Weise alle satt werden (Joh 6). Aber Jesus ging es nicht nur um das Notdürftige. Er versorgt eine Hochzeitsgesellschaft, der die Getränke ausgegangen sind, mit kostbarem Wein. (Joh 2) Er sitzt oft zu Tisch mit den Seinen, aber auch mit Fremden, so dass seine Kritiker ihm vorwerfen, er sei ein „Fresser und Weinsäufer“ (Mt 11,19). Und wenn Jesus vom Himmel redet, erzählt er von einem großen Festmahl. (Lk 14, 16ff). So passt es gut, dass heute im Mittelpunkt der Predigt ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief steht, der die Gastfreundschaft hochhält:
Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. (Hebräer 13, 1-3)
Es ist schön, als Gast mit offenen Armen empfangen zu werden. Ich kenne Haushalte, da könnte jeder Zeit ein Stuhl am großen Küchentisch dazu gestellt werden, weil immer etwas mehr gekocht wird, damit es auch für unerwartete Gäste reicht. Bei meiner Cousine hing ein Spruch über dem Küchentisch. Der lautete: Fünf sind geladen, zehn sind gekommen. Gieß Wasser zur Suppe, heiß´ alle willkommen! Dieses Ideal der Gastfreundschaft wird im Hebräerbrief den Gemeinden vor Augen gestellt. Es waren damals schwierige Zeiten. Im Römischen Reich standen die christlichen Gemeinden eher mit dem Rücken zur Wand, waren Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt. Umso mehr galt es, zusammen zu stehen und für einander da zu sein. Denn in der Familie sind alle Brüder und Schwestern.
Das Besondere aber ist, dass eine neue Definition dafür gefunden wurde, wer Schwester und Bruder ist. Historiker haben herausgefunden, dass es zum Erfolg und zur Ausbreitung des Christentums beigetragen hat, dass Menschen über alle natürlichen Grenzen der Abstammung, der sozialen Herkunft hinweg zusammenkamen und Zeit und materielle Dinge miteinander teilten, sich unterstützen und für einander da waren. Alle waren willkommen. Auch Fremde konnten dazu kommen und zu Bruder und Schwester werden. Zu der Geschwisterliebe tritt die Gastfreiheit hinzu. Wörtlich heißt das die Freundlichkeit Fremden gegenüber.
Wer selbst einmal solch eine Freundlichkeit und Gastfreiheit erlebt hat, vergisst das nicht so schnell. Und die ist in vielen Kulturen verbreitet vielleicht sogar noch umfassender als bei uns. Dazu gibt es eine berührende Geschichte aus Albanien. Als 1943 die deutsche Wehrmacht das überwiegend muslimisch geprägte Land besetze, gab es viele Albaner, die jüdische Menschen retteten, indem sie sie bei sich versteckten, aufnahmen und versorgten (siehe Zeitzeichen 5/2015, 9-11). Auf die Frage, warum sie das taten, antwortete eine Frau: Unsere Eltern glaubten, „dass jedes Klopfen an der Tür ein Segen Gottes sei. Alle Menschen kommen von Gott.“ In diesem Geist wurden damals viele Menschen gerettet.
„Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“, so heißt es im Hebräerbrief. Ein schöner Gedanke, dass mit dem Gast Gott selbst zu Besuch kommt. Das ist ganz im Geiste Jesu. In seinem Gleichnis vom Weltgericht lässt er den König sprechen: „Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen." Im Hebräerbrief wird offenbar auf die Geschichte von Abraham angespielt, wie er in Mamre die drei Männer bewirtet, die bei ihm zu Besuch kommen, und die in der Tradition als Engel, als Boten Gottes, gesehen werden. Denn sie verheißen ihm die Geburt seines Sohnes Isaak. Auf der berühmten Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow stehen die drei Männer für den dreieinigen Gott selbst, am Tisch sitzend und in der Mitte der Kelch, der für die Gastfreundschaft, aber auch das Abendmahl symbolisiert.
Wer einen Gast aufnimmt, der nimmt Gott auf, oder zumindest einen Boten von ihm. – Bei uns ist der Ton gegenüber Fremden rauer geworden. Politische Parteien überbieten sich gerade darin, möglichst viele ungebetene Gäste loswerden zu wollen. Dabei ist inzwischen unverkennbar, dass viele von ihnen zum Segen geworden sind. Denn ohne sie würde vieles nicht mehr funktionieren, von Krankenhäusern über Pflegeheimen bis hin zum Gastgewerbe.
Ich bin sehr froh, dass ich christliche Gemeinden als gastfreie Gemeinden erlebe, die sich die Offenheit für andere Menschen bewahrt haben. Wie verschieden wir doch sind in unserer Herkunft, unseren Ansichten, Lebenseinstellungen und Vorlieben, aus verschiedenen Milieus und ganz verschiedenen Alters! Und doch gelingt es, dass wir zusammen Gottesdienst feiern, ins Gespräch kommen, aber auch Feste feiern. Und dabei kommen oftmals auch andere dazu, die sonst eher nicht zu uns gehören. Essen und Trinken stiftet eben auch Gemeinschaft, sei es das gemeinsame Mittagessen der Alten im Treffpunkt Kirche in der Lomonossowallee, sei es das Buffet der Familien nach den Kindermitmachgottesdiensten in der Annenkapelle, sei es das Kuchenbuffet am Tag des offenen Denkmals oder der Glühwein mit Schmalzstulle nach der Hubertusmesse hier in der Kirche. Kirchennahe und Kirchenferne, Einheimische und Zugezogene kommen dabei zusammen. Es ist gut, dass es die Offenheit und Bereitschaft gibt, Menschen, die fremd sind, einzuladen, zu unterstützen und ihnen zu helfen. Wobei einzelne aus unserer Gemeinde unendlich viel Mühe, Zeit und Liebe aufgebracht haben.
Aber auch jenseits der großen Gelegenheiten ist es wichtig, gastfrei zu sein, offen für andere: Zu bemerken wenn jemand Hilfe braucht, Freud und Leid miteinander zu teilen. Ein offenes Ohr zu haben und Worte zu finden, die Verbundenheit schaffen. Solche Begegnungen sind meistens nie einseitig, oft kommt dabei ganz viel zurück. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ In der Offenheit und Gastfreundschaft gegenüber anderen Menschen wird man selbst oft beschenkt, nicht nur durch die Dankbarkeit, die einem dabei begegnet. Manchmal erwachsen daraus auch Einsichten und öffnen sich einem weite Horizonte. Es ist schön, zu so einer großen Familie zu gehören, die ganz unterschiedliche Grenzen, Kulturen und Sprachen überspannt. Amen
Lass uns beten:
Guter Gott, du erwählst Menschen und traust auch uns etwas zu. Wir bitten für deine Kirche, dass sie sich gründe auf Jesus Christus, dem Eckstein und aus vielen lebendigen Steinen erbaut, Heimat und ein Ort der Gastfreundschaft für viele werde. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.
Vor dich bringen wir unsere Klage über das Leiden der Welt. Insbesondere bitten wir dich für die Menschen, die unter Krieg und Gewalt, Diktaturen und wirtschaftlicher Not leiden. Stärke alle, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für die Entwicklung in unserem Land. Viele Menschen sorgen sich um die Zukunft und um unsere Erde als bewohnbaren Lebensraum. Fördere alle Bemühungen um einen gerechten Ausgleich und den Schutz der Natur. Mache jungen Menschen Mut, ihr Leben in die Hand zu nehmen und gib auch älteren Menschen eine Perspektive, Gutes zu bewirken. Wir rufen zu dir: Herr, Erbarme dich.
Wir bitten dich für kranke und einsame Menschen, für trauernde und sterbende, dass sie jemanden haben, der für sie da ist und schenke Hoffnung und die Gewissheit deiner Nähe. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.
Vater unser im Himmel. Geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gibt uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen
Die Glocken unserer Kirche läuten zum Innehalten und zum Gebet: werktags um 8 Uhr, um 12 Uhr und um 18 Uhr.
Die Kirche ist Montag bis Freitag von 10-17 Uhr, Samstag von 11-15 Uhr und am Sonntag nach dem Gottesdienst bis 12 Uhr geöffnet.
Das sind unsere Kontaktdaten:
Marion Steffen im Büro - 03834 2263 Pastor Dr. Bernd Magedanz - 03834 8477052 Pastorin Dr. Ulrike Streckenbach - 03834 886104 Angela Jütte im Treffpunkt Kirche - 03834 883375
Wir grüßen Sie im Namen des Kirchengemeinderates und aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an St. Marien herzlich.
Ihre Pastorin Dr. Ulrike Streckenbach und Ihr Pastor Dr. Magedanz